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Schornsteinfeger Eyk Waelisch

Darf als Glücksbringer schon mal die Braut küssen: Schornsteinfeger Eyk Waelisch. Foto: Manfred Thomas

POTSDAM

Von Erik Wenk

Lebendige Glücksbringer

Schornsteinfeger sind überaus beliebte Handwerker – auch in Potsdam (30.12.10)


Schornsteinfeger können sich glücklich schätzen: Obwohl Klempner oder Kanalarbeiter ebenso wertvolle Dienste für Sicherheit und Sauberkeit leisten, können sie kaum von sich behaupten, so beliebt zu sein wie die „schwarzen Männer und Frauen“ mit Zylinder. Gerade jetzt, kurz vor Silvester, erleben Schornsteinfeger in Form von Marzipan, Schokolade, Zinn, Keramik oder als Postkartenmotiv besonders viel Aufmerksamkeit. Am besten ist es natürlich, einen echten Kaminkehrer zu Gesicht zu bekommen, denn sie an der Jacke zu berühren oder an ihren Goldknöpfen zu drehen, soll Glück für das neue Jahr bringen. Wer den verrußten Handwerker umarmt, auf den soll laut Volksglauben ein Stück von seinem Glück ‚abfärben’ – Kanalarbeiter können damit wohl kaum rechnen. Wer sogar einen Knopf oder ein Stück des Kehrbesens ergattert, dem soll das Glück auf ewig hold sein.

Derlei Brauchtum kennt auch Eyk Waelisch, Bezirksschornsteinfegermeister in Potsdam, zur Genüge. Der 42-Jährige leitet einen der elf Potsdamer Schornsteinfegerbetriebe und hat neben seinem eigentlichen Handwerk schon einiges an „Glücksarbeit“ geleistet: „Es kommen immer wieder Leute auf mich zu, die mich anfassen, umarmen oder die Knöpfe berühren; speziell Frauen, die trauen sich das eher als Männer. Ich habe auch schon Glückspfennige im Einkaufszentrum verteilt oder musste Lotteriescheine oder Lose anfassen“, erzählt Waelisch. Es sei aber ein wenig zurückgegangen: „Da man uns nicht mehr so häufig sieht, glauben viele gar nicht, dass man echt ist, die denken, wir wären Schauspieler.“

Als Glückssymbol sind Schornsteinfeger ständig von freundlichen Menschen umgeben, und auch sonst bringt der Beruf einige angenehme Dinge mit sich: „Ich war auch schon auf Hochzeiten, wo ich dann zum Beispiel Grüße überbracht, Geschenke überreicht oder die Braut geküsst habe“, sagt Waelisch.

Dabei wissen viele gar nicht, warum Schornsteinfeger als Glücksbringer gelten: Der Glaube geht auf die immer größer werdenden Städte des Mittelalters zurück, wo es durch verrußte oder verstopfte Kamine immer wieder zu großen Bränden kam. Das verhinderte der Schornsteinfeger durch seine Arbeit.

Mit seinem Beruf führt Eyk Waelisch eine seit 1926 bestehende Familien-Tradition fort: Schon sein Vater und sein Großvater waren Schornsteinfeger, und auch Waelischs Bruder übt den Beruf aus. Bereits seit zwei Generationen sorgt die Schornsteinfegerfamilie dafür, dass die Häuser in Babelsberg nicht verrußen.

Waelisch liebt seinen Beruf: „Das Beste ist, dass man draußen unterwegs ist und mit Menschen zu tun hat, es bleibt immer noch Zeit, um das Gespräch zu suchen. Früher, wo man sechs oder acht mal pro Jahr in die Häuser kam, kannte man alle Familienbeziehungen und alle Krankheiten, man war eine Art erweitertes Familienmitglied. Heute kommen wir nur noch alle zwei bis drei Jahre.“

Doch droht der Schornsteinfeger immer mehr aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden: „Das eigentliche Schornsteinfegen in klassischer Arbeitskleidung macht nur noch 15 Prozent der Arbeit aus. Der Beruf ist sehr viel technischer geworden.“ Das Berufsbild hat sich erweitert: Heizungswartung, Schadstoffmessung, Energieberatung, Thermografiemessungen, Ofen- und Schornsteinaufbau … Nachteil: Bei diesen Tätigkeiten tragen die Schlotreiniger nicht die traditionelle Kluft, und sind so oft nicht als Schornsteinfeger erkennbar.

Der Beruf ist nicht mehr so schmutzig, erklärt Waelisch: „Ganz früher mussten die Feger ja noch selbst in den Kamin hineinsteigen und waren dann auch wirklich schwarz; heute ist man nicht mehr so verrußt. Es wird ja auch mehr mit Gas, Öl oder Fernwärme geheizt.“ Um den Schornsteinfeger wieder etwas ins öffentliche Bewusstsein zu heben, wurde dieses Jahr am 20. Oktober der „Tag des Schornsteinfegers“ eingeführt.

Der Beruf verändert sich: Seit 2008 ist das staatliche Kehrmonopol etwas aufgeweicht worden, um mehr Wettbewerb zuzulassen. Doch das Monopol besteht teils weiter: Beim Brandschutz etwa will der Staat seine Autonomie nicht völlig aufgeben und setzt weiterhin Schornsteinfeger ein – auch wenn sich die Arbeit dann manchmal doppelt. Die Hausbesitzer haben im Prinzip Wahlfreiheit, wer sich um ihr Haus kümmern soll, und betrauen dann eventuell jemand anderes mit dem Brandschutz – trotzdem sind die vom Staat gesetzten Schornsteinfeger weiterhin dazu verpflichtet, sich ebenfalls darum zu kümmern und werden natürlich auch dafür entlohnt. Daher ist das Kehrmonopol weiterhin nicht unumstritten.

Doch Waelisch denkt fortschrittlich; auf seiner Internetseite steht: „Kann ich die Gebühren vom Schornsteinfeger sparen? – Ja. Decken Sie Ihren Wärme- und Warmwasserbedarf durch Fernwärme, Erdwärme, Wärmepumpen oder Solarkollektoren und Sie sparen die Schornsteinfegergebühren.“ Waelisch findet es nur fair, die Verbraucher darauf hinzuweisen, schließlich sei man als Schornsteinfeger auch Verbraucherschützer und Energieberater. Zudem fallen auch moderne Heizsysteme mit in das Tätigkeitsfeld der „Schlotkehrer“. Der Beruf habe Zukunft und es würden auch weiterhin Lehrlinge gesucht, so Waelisch.

Aber selbst wenn der Beruf des Schornsteinfegers tatsächlich einmal aussterben würde, eines ist sicher: Als Glückssymbol werden die Handwerker mit Zylinder noch lange weiterleben.

Originalartikel unter www.pnn.de/potsdam/362090